Interview: Effizienzgewinnung im Ground-Support-Equipment Moderne Technik und optimierte Prozesse

Wie in vielen Branchen gilt auch im Bereich Ground-Support-Equipment (GSE): Automatisierung und Nachhaltigkeit sind die bestimmenden Themen der kommenden Jahre. Die beiden allgegenwärtigen Schlagworte verbinden den Anspruch, möglichst effizient zu arbeiten. Doch was bedeutet maximale Effizienz auf dem Rollfeld konkret? Und wie lässt sie sich erzielen? Rüdiger Dube, Leiter Strategisches Produktmanagement Airport Technology von Goldhofer, erläutert, welche Prozessanpassungen und Technologien entscheidend sein werden, um Ground-Handler fit für die Zukunft zu machen.
 

Beginnen wir ganz grundsätzlich: Wie wichtig ist das Thema Effizienz im GSE-Bereich? Was unternimmt die Branche, um ihre Prozesse in dieser Hinsicht zu optimieren?

Allgemein bedeutet Effizienz im Ground-Handling nichts anderes, als mit möglichst wenig Ressourcen maximale Leistung zu erzielen. Von Effizienzgewinn kann dann gesprochen werden, wenn sich sämtliche Aufgaben auf gleichem oder idealerweise höherem Niveau erledigen lassen, dafür aber weniger Personal und Maschinentechnik zum Einsatz kommt. Von entscheidender Bedeutung ist dabei eine 360-Grad-Sicht auf alle Aspekte und Belange im GSE-Alltag. Die losgelöste Betrachtung einzelner Prozesse bringt hier nichts.

Die Branche war in dieser Hinsicht in der Vergangenheit eher sehr konservativ geprägt. Etablierte Prozesse wurden nur selten angepasst und bewährte Arbeitsweisen kaum auf den Prüfstand gestellt. Auf diese Weise lassen sich Möglichkeiten zur Effizienzsteigerung natürlich nicht erkennen. Die Ursache für diese geringe Veränderungsbereitschaft liegt ironischerweise im langanhaltenden Erfolg. Da es in der Luftfahrt über Jahrzehnte praktisch nur aufwärtsging, wovon auch der GSE-Bereich massiv profitierte, gab es keine drängenden Gründe, das eigene Vorgehen zu hinterfragen. Durch die weitreichenden Auswirkungen der Corona-Pandemie hat sich im vergangenen Jahr nun aber einiges getan.
 

Vor welchen konkreten Herausforderungen steht die Branche zukünftig? Wo sehen Sie den dringendsten Handlungsbedarf?

Die größte Herausforderung im Augenblick ist ohne Frage die Bewältigung der Corona-Krise. Wichtig ist dabei vor allem, die Abläufe so umzugestalten, dass es möglichst wenig Berührungspunkte zwischen den Mitarbeitern gibt – nur so lässt sich die Ansteckungsgefahr effektiv reduzieren. Ein entscheidender Faktor hierfür wird ein höherer Automatisierungsgrad sein. Viele Arbeitsschritte, bei denen heute noch Personal zum Einsatz kommt, können in Zukunft von selbstständigen Fahrzeugen und Maschinen durchgeführt werden. Die Technologie hierfür existiert häufig schon heute. Auf diese Weise können Mitarbeiter vor Infektionen sowie anderen Gefahren geschützt werden und sich auf anspruchsvollere Aufgaben konzentrieren.

Gerade im Bereich der Wartung und des Service eröffnen innovative Techniken ebenfalls völlig neue Möglichkeiten. So arbeiten wir zum Beispiel seit einiger Zeit mit einer sogenannten Datenbrille. Sie erlaubt uns, unsere Kunden vor Ort interaktiv und unmittelbar zu unterstützen, ohne physisch da zu sein. Unser Service-Mitarbeiter sieht so genau, was der Kunde sieht und kann ihm direkt Feedback geben – sowohl sprachlich als auch visuell per Augmente-Reality-Funktionalität. Das reduziert nicht nur unnötige Reisetätigkeiten, sondern minimiert zudem erheblich die Down-Time der Fahrzeuge. Für die Unternehmen bedeutet das jedoch, die betroffenen Mitarbeiter in derartige Entwicklungen einzubinden und sie von den Vorteilen der neuen Ansätze zu überzeugen. Denn neue Technik allein genügt nicht. Auch die Arbeitsabläufe müssen entsprechend angepasst werden. Ground-Handling-Technologie heute reicht über Produkte hinaus und umfasst selbstverständlich ebenso Beratungsleistungen und Schulungsangebote.
 

Werden diese Veränderungen bereits angegangen? Was wird im Moment schon umgesetzt?

Aktuell sind die meisten unserer Kunden noch dabei, sich zu orientieren und ihre Ausgangslage genau zu evaluieren. Aufgrund der Corona-Beschränkungen befindet sich die Branche bekanntlich gerade in einer Phase extrem niedriger Auslastung. Um hieraus das Beste zu machen, nutzen aber viele Ground-Handler die Zeit, um notwendige Prozessanalysen durchzuführen. Anhand derer können anschließend fundierte Entscheidungen getroffen und Anschaffungen getätigt werden. Immer häufiger wird auch schon konkret in zukunftsfähige Technologien investiert. So kommt beispielsweise am Flughafen München seit Kurzem der stangenlose Schlepper »PHOENIX« E (AST-2 mit Elektroantrieb) von Goldhofer zum Einsatz. Der Flughafen Wien erprobt derweil den ebenfalls elektrisch betriebenen »BISON« E 620.
 

Ein wichtiges Schlagwort ist seit einiger Zeit „Single Man Operations“ geworden. Wie wichtig ist dieses Thema mittlerweile für Ihre Kunden und wie lässt es sich effektiv umsetzen?

Viele Unternehmen in Europa – insbesondere in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Österreich und der Schweiz – setzen bereits konsequent auf diese Form der Flugzeugabfertigung. Hier kann man also von einem etablierten System sprechen. In vielen Niedriglohnländern sieht die Situation aber völlig anders aus. Wo Arbeitskräfte verhältnismäßig wenig kosten, etwa in den USA oder Asien, gibt es weniger Gründe, die Anzahl der Mitarbeiter zu reduzieren. Dort ist das Interesse an „Einmannbedienung“ noch eher gering. Durch die Corona-Pandemie beginnt aber auch hier langsam ein Umdenken. Die inzwischen geltenden Hygieneregeln und -anforderungen lassen sich anders kaum noch umsetzen. Es gilt der Grundsatz: Je weniger Kontakt zwischen Mitarbeitern, desto besser. Entscheidend wird hierfür auch die Zukunftstechnologie des autonomen Fahrens von GSE-Equipment sein. Insgesamt muss man sagen, dass sich „Single Man Operations“-Prozesse nur mit angemessener Unterstützung durch moderne Technik implementieren lassen. Je mehr Verantwortung ein einzelner Mitarbeiter trägt, desto drastischer sind die Konsequenzen, wenn dieser einen Fehler macht oder ausfällt. Ein hohes Maß an Automatisierung kann diese Risiken jedoch wirksam ausgleichen.
 

Kommen wir noch einmal zurück zum Thema Effizienz: Mit welchen Angeboten unterstützt Goldhofer Unternehmen bei der Effizienzsteigerung im GSE-Bereich?

Der Schwerpunkt unserer Vertriebstätigkeiten lag in der Vergangenheit auf dem Verkauf leistungsfähiger Fahrzeuge. Selbstverständlich ist dies auch weiterhin unsere Kernkompetenz, doch Goldhofer hat sein Angebot inzwischen stark unter dem Ansatz des „Value Proposition“-Konzepts ausgeweitet. Dieses beginnt bereits im Vorfeld mit Beratungsleistungen für den Kunden. Hier wird der Schwerpunkt auf den optimalen Einsatz der Fahrzeuge gelegt. Die Ground-Handler erhalten also nicht nur leistungsfähige Fahrzeuge, sondern bekommen zusätzlich noch vermittelt, wie sie diese maximal wirtschaftlich und nachhaltig einsetzen können.

Zudem legen wir großen Wert auf das Thema Lifecycle-Cost-Berechnung. Dem Unternehmen wird nachvollziehbar prognostiziert, wie hoch seine Investitionskosten über die gesamte Nutzungsdauer sein werden. Gerade die dem eigentlichen Kaufprozess nachgelagerten Aspekte müssen im Sinne der Effizienz im Blick behalten werden. Hierzu zählen auch die verschiedenen Fortbildungsleistungen, die wir unseren Kunden anbieten. Unser modulares Schulungskonzept umfasst alle relevanten Themenschwerpunkte – von der grundsätzlichen Bedienung eines Fahrzeugs über die Fehlerdiagnose und Wartung bis hin zu Lektionen für spezifische Funktionen. Mittlerweile sind viele dieser Schulungen auch online durchführbar. Das spart nicht nur Geld und Zeit, es erlaubt zudem, das Angebot trotz strenger Corona-Vorgaben zu gewährleisten.

Diesen Anspruch, als ganzheitlicher Lösungsanbieter zu fungieren, vertritt Goldhofer ja nicht nur in Europa, sondern auch in den USA und in den aufstrebenden Märkten in Afrika und im Nahen Osten. Neben unserer Vertretung in Miami haben wir 2018 zur Stärkung unserer Präsenz vor Ort auch in Dubai ein regionales Vertretungsbüro und Logistikzentrum gegründet. Ob in Nigeria, Marokko oder den Emiraten, jeder Kunde erhält so eine maßgeschneiderte Lösung.
 

Wie ist Ihre Einschätzung der zukünftigen Marktentwicklung? Wie wird sich die Airport-Industrie und der GSE-Markt in den kommenden Jahren entwickeln beziehungsweise erholen?

Es wird mit Sicherheit zu einer Konsolidierung des Markts kommen. Das bedeutet, dass nicht alle Ground-Handler diese Krise überstehen werden – das muss man leider so festhalten. Davon abgesehen kann man aber davon ausgehen, dass die Branche bis in etwa drei Jahren wieder das Niveau vor Corona erreichen kann. Vorausgesetzt natürlich, die nötigen Veränderungen werden in der Breite umgesetzt, und die Unternehmen gehen mit Mut zur Innovation in die Zukunft. Neben der Effizienzsteigerung durch optimierte Arbeitsabläufe und stärkere Automatisierung sollte hierbei der Fokus auch auf Nachhaltigkeit liegen. Fahrzeuge und GSE-Equipment mit elektrischem Antrieb sind ein wichtiger Schritt, um den Emissionsausstoß zu reduzieren. Daher wird in neugeplanten Flughäfen die dafür benötigte Infrastruktur bereits mitgedacht. Aber auch in älteren Flughäfen lässt sich die nötige Technik nachrüsten.

Ein wichtiger Aspekt darf dabei nicht vernachlässigt werden: Nachhaltigkeit endet nicht beim Antrieb der Fahrzeuge! Umfassende Telemetrie-Funktionen ermöglichen hier einen ganzheitlichen Ansatz. So lassen sich einerseits per Remote-Zugriff auf die Fahrzeuge viele Wartungs-Aufgaben schneller und sparsamer erledigen als je zuvor. Denn auf diese Weise verringern sich Reisekosten und Kraftstoffverbrauch der Service-Mitarbeiter ebenso, wie sich die Ausfallzeiten für den jeweiligen Ground-Handler minimieren. Auf der anderen Seite bieten die von den Fahrzeugen gesammelten Informationen – also Betriebsstunden, gefahrene Strecke und Art der bewegten Flugzeuge – spannende Möglichkeiten zur Prozessoptimierung. Mithilfe einer derart breiten Datenbasis können Abläufe auf maximale Effizienz und Nachhaltigkeit getrimmt werden. Damit einher geht das immer relevantere Thema „Predictive-Maintenance“.
 

Bei allen negativen Effekten, die Corona im vergangenen Jahr mit sich brachte: Denken Sie, die Pandemie wird langfristig wichtige Veränderungen anstoßen?

Ja, ich denke, das kann man so sagen. Die Nutzung von Ressourcen wird etwa schon heute deutlich durchdachter gehandhabt. Das wirkt sich doppelt positiv aus: Es wird sparsamer gearbeitet und gleichzeitig die Umwelt geschont. Aber auch ganz grundsätzliche Wertebilder und Einstellungen haben sich verschoben. Entscheidungen werden deutlich häufiger und im Detail hinterfragt. Jede Anschaffung und jeder Prozess werden kritischer betrachtet und auf Verbesserungspotentiale untersucht. Ebenso sind die involvierten Menschen – vom Entscheidungsträger bis zum Mitarbeiter auf dem Rollfeld – sensibler für diese Themen geworden.

Bei der Anschaffung von neuem GSE-Equipment gibt es deshalb auch keine Ausreden mehr. Die Themen Nachhaltigkeit und Qualität sowie zukunftsorientierte Technologien werden bei zukünftigen Kaufentscheidungen eine sehr viel größere Rolle spielen, als dies in der Vergangenheit der Fall war. Trotz allem Willen zur Erneuerung rate ich aber abschließend allen Unternehmen in der Branche dazu, nicht in blinden Aktionismus zu verfallen. Denn nicht jede neue Technologie eignet sich für die jeweilige Situation, und nicht alle Prozesse lassen sich reibungslos überall implementieren. Es gilt also, sich auf seine Stärken zu konzentrieren und durchdacht zu investieren. Denn mehr denn je gilt: Jeder Euro Umsatz ist mehr wert als ein gesparter Euro.